Sprachverlust
In Stufen – Reformation, Aufklärung, Industrialisierung – verlor das Deutsche seine präzise Sprache für innere Zustände, mit spürbaren Folgen.
Sprachverlust
Höfische Dichtung (1170–1250) hatte präzise Worte für innere Zustände: muot, hôher muot, triuwe, mâze, minne. Diese Sprache ist nicht veraltet. Sie ist verloren — in Stufen: die Reformation erklärte inneres Erleben verdächtig, die Aufklärung erklärte Gefühle irrational, die Industrialisierung ließ die Sprache der Arbeit dominant werden.
Was dabei verloren geht, ist mehr als Vokabular. Emotionale Granularität zeigt: Menschen unterscheiden Gefühle nur in dem Maße, in dem sie Worte dafür haben. Mehr Worte = reicheres Erleben, bessere Regulation, klarere Konflikte. Weniger Worte = weniger Erleben — nicht weniger Erfahrung. Die Erfahrung bleibt. Die Sprache dafür fehlt.
Das zeigt sich auch im semantischen Drift: „Glück" hatte ursprünglich keine emotionale Bedeutung — es meinte den Ausgang eines Geschehens. Englisch trennt luck und happiness. Deutsch hat beides in einem Wort eingeschlossen und den Unterschied dabei aufgeweicht.
Eine zweite Verengung kommt aus der Wissenschaft: Was keine Messgröße hat, verliert seinen Platz im Diskurs. Erleben wird zur Nicht-Evidenz erklärt — nicht weil es nicht existiert, sondern weil es sich der Messung entzieht.
Die Konsequenz ist Alexithymie — die kulturell erworbene Unfähigkeit, innere Zustände zu benennen. Was nicht benannt werden kann, kann nicht verhandelt werden. Konflikte, Körpersymptome, Distanz entstehen dort, wo Sprache fehlt.
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