Referentielle Selbst
Es gibt einen selbsterzeugenden Kern im Menschen, den Scham angreift, wenn das Sein selbst infrage gestellt wird – nicht das Handeln.
Das Referentielle Selbst
Es gibt einen Kern im Menschen, für den wir kaum Worte haben. Nicht weil er unklar wäre — sondern weil die Sprache dafür verloren gegangen ist.
Dieser Kern erzeugt sich aus sich selbst heraus. Er ist nicht das Ergebnis von Erziehung, Leistung oder Anerkennung. Er war vor alldem — und er ist das, was durch alles hindurch bestehen bleibt, wenn man lange genug gräbt. Carl Gustav Jung nannte etwas Ähnliches das Selbst mit großem S: den transpersonalen Kern der Persönlichkeit hinter Persona, Rolle und Prägung.
Man könnte ihn mit der Kernfusion der Sonne vergleichen: ein Prozess, der seine eigene Bedingung ist. Nicht von außen angetrieben. Sich selbst tragend.
Scham ist das Gefühl, das anschlägt, wenn dieser Kern angegriffen wird. Nicht wenn man etwas falsch gemacht hat — das wäre Schuld. Scham schlägt an, wenn das Sein selbst unter Beschuss gerät: Du bist falsch. Du hast kein Recht zu sein, wie du bist.
Mit jeder unaufgearbeiteten Beschämung wird der Kern ein Stück mehr überlagert. Der Mensch funktioniert noch. Aber das Licht, das sich aus sich selbst erzeugt, dringt nicht mehr durch. Das ist der Tod, der unsichtbar bleibt — weil der Körper weitergeht.
Individuation — das lebenslange Freilegen dieses Kerns — beginnt damit, ihn überhaupt zu kennen. Und zu wissen, was ihn bedroht.
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