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Wissen ist Macht

Wissen ist eine Holschuld

Unwissenheit schützt vor Strafe nicht

Systemischer Kurzschluß

Systemischer Kurzschluß

Eine Kalenderdatei, ein Motor ohne Last – und die Frage, was passiert, wenn niemand mehr bremst.

Neulich bekam ich eine Einladung zu einer Veranstaltung. Mit dabei: eine Kalenderdatei zum Import, wie man sie kennt. Ich klicke drauf, mein Kalenderprogramm schüttelt den Kopf und verweigert den Import. Kein Drama, sowas passiert. Also schaue ich mir die Datei genauer an.

Der Fehler steckte in einer einzigen Zeile:

ORGANIZER;CN="Musterverband";EMAIL=veranstaltung(at)beispiel(dot)de:mailto:max.m
 ustermann(at)beispiel(dot)de

Zwei verschiedene Mailadressen in einer Zeile. Ein Zeilenumbruch mitten im Wort. Eine Kombination aus Parametern, die sich gegenseitig widerspricht. Alles Dinge, die seit über zwanzig Jahren in einem offenen Standard klar beschrieben sind. Trivial korrekt zu machen – und trotzdem schiefgegangen.

Das eigentlich Interessante daran ist aber gar nicht die Datei. Es ist die Frage, wie sowas entsteht, obwohl es niemand absichtlich falsch machen wollte.

Der Motor ohne Last

Es gibt einen bestimmten Elektromotortyp, den Gleichstrom-Reihenschlussmotor, der ein bekanntes Problem hat: Läuft er ohne Last, dreht er immer schneller. Weniger Last bedeutet weniger Gegenkraft, weniger Gegenkraft bedeutet mehr Drehzahl, mehr Drehzahl bedeutet noch weniger Gegenkraft. Ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt – bis der Motor sich buchstäblich zerlegt. Man nennt das „Durchgehen“. Die Lösung ist simpel: Man sorgt dafür, dass immer eine Last am Motor hängt, die ihn bremst.

Systeme, die aus Menschen bestehen, funktionieren erstaunlich ähnlich. Ein Prozess, eine Vorlage, ein Standard – irgendwann eingeführt, weil er sinnvoll war. Aber wenn niemand mehr dagegenhält, wenn keine Last mehr da ist, die den Prozess bremst, dann wächst er einfach weiter. Nicht weg vom eigentlichen Standard, sondern über ihn hinaus: Er nimmt so viel Raum ein, dass für die Prüfung, ob er noch stimmt, kein Platz mehr bleibt. Man optimiert die Vorlage, streicht die vermeintlich unwichtigen 80 Prozent, konzentriert sich auf den harten Kern, wiederholt das Ganze noch einmal – und irgendwann läuft die Vorlage einfach durch, ungeprüft, Jahr für Jahr, bis in ihr ein Zeilenumbruch mitten in einer Mailadresse steckt und niemand es merkt.

Der Riss an der Oberfläche

Die kaputte ORGANIZER-Zeile ist in diesem Sinne kein Einzelfehler. Sie ist der sichtbare Riss an der Oberfläche eines Vorgangs, der in vielen Häusern läuft: Vorlagen, die niemand mehr anfasst, Prozesse, die niemand mehr bremst, weil das Bremsen selbst zu aufwendig geworden ist. Nicht aus Böswilligkeit. Aus Beschleunigung ohne Gegenkraft.

Man merkt es meistens erst, wenn irgendwo draußen etwas nicht mehr passt – eine Datei, die sich nicht importieren lässt, eine Anmeldung, die nicht ankommt, eine Regel, die keiner mehr erklären kann. Kleine Symptome eines Motors, der schon eine Weile ohne Last läuft.

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