skip to content

Wissen ist Macht

Wissen ist eine Holschuld

Unwissenheit schützt vor Strafe nicht

Ja, aber

Ja, aber

Das Wort „aber" löscht jedes Lob und erzeugt einen Doppelbind. Warum „und" ehrlicher verbindet, statt Anerkennung heimlich zu widerrufen.

Es gibt einen Satz, den man in fast jedem Gespräch hört, in dem jemand versucht, gleichzeitig nett und ehrlich zu sein: „Das hast du gut gemacht, aber…" Was danach kommt, spielt keine Rolle mehr. Das Aber hat das Vorherige bereits gelöscht.

Was das Aber tut

Linguistisch ist „aber" ein Konjunktor, der einen Gegensatz einleitet. Was vor dem Aber steht, wird relativiert. Was nach dem Aber kommt, ist der eigentliche Aussagekern. Der Hörer weiß das — nicht bewusst, aber strukturell. Er hört nicht „Lob und Kritik". Er hört: erst der Kontext, jetzt der Punkt.

Die Anerkennung kommt an. Und kurz darauf wird sie entzogen.

„Ich liebe dich, aber du machst mich wahnsinnig." — Was bleibt? Nicht die Liebe. Der Wahnsinn.

„Ich verstehe dich, aber das sehe ich anders." — Was bleibt? Nicht das Verstehen. Der Widerspruch.

„Du hast viel geleistet, aber wir müssen trotzdem reden." — Was bleibt? Nicht die Leistung. Das kommende Gespräch.

Das Aber ist kein Bindewort. Es ist ein Radiergummi.

Der Doppelbind

Was das Aber darüber hinaus anrichtet, ist ein Doppelbind: Der Empfänger erhält zwei widersprüchliche Botschaften gleichzeitig und kann sie nicht auflösen. War die Anerkennung echt? Dann warum das Aber? War das Aber nötig? Dann war die Anerkennung eine Vorbereitung.

Wer dieses Muster oft genug erlebt, hört beim nächsten Lob sofort das kommende Aber — auch wenn es noch gar nicht gesprochen wurde. Die Kommunikation vergiftet sich rückwirkend. Das Lob wird zur Finte. Die Zuwendung zur Einleitung der Kritik.

Ein Doppelbind lässt sich nicht direkt ansprechen, weil das System, das ihn erzeugt, nicht sichtbar ist. Der Empfänger weiß nur, dass er sich trotz Lob nicht gelobt fühlt. Das gilt dann als Undankbarkeit.

Und statt Aber

Hier beginnt die Beobachtung, die ich immer häufiger mache: Viele Menschen verwenden das Aber gar nicht als echten Kontrast. Sie verwenden es als Konjunktion — also dort, wo eigentlich und stehen müsste.

„Das war ein gutes Gespräch, aber ich war danach müde." Kein Gegensatz. Beides ist wahr. Und würde es halten. Aber setzt es gegeneinander — und behauptet damit, dass das eine das andere einschränkt.

„Ich mag das, aber es gefällt mir auch." Hier ist das Aber vollends sinnlos — und trotzdem passiert es. Reflexartig.

Das Und hält zwei Dinge gleichzeitig, ohne dass eines das andere kommentiert. Das Aber erklärt das erste zum Vorbehalt des zweiten. Wer und sagt, lässt beides stehen. Wer aber sagt, entscheidet: Das zweite ist echter.

Der Unterschied ist winzig. Die Wirkung ist erheblich.

Warum es trotzdem so verbreitet ist

Das Aber ist bequem, weil es Verantwortung verteilt. „Ich habe ja auch gesagt, dass es gut war" — aber das Aber hat das Gesagte bereits erledigt, bevor der Satz zu Ende war.

Es ist auch kulturell eingeübt. Das direkte Nein gilt als unhöflich. Kritik braucht ein Polster. Also kommt erst das Lob, dann das Aber, dann der eigentliche Punkt. Das Sandwich-Modell des Feedbacks. Das Muster ist so verbreitet, dass es unsichtbar geworden ist — und damit unkritisierbar. Wer es benennt, wirkt kleinlich. Wer darauf hinweist, dass das Lob nicht angekommen ist, gilt als dünnhäutig.

Dabei liegt das Problem nicht beim Empfänger. Es liegt in der Struktur des Satzes.

Sprache ist nicht neutral. Sie formt, was ankommt. Ein Aber an der falschen Stelle erzeugt eine Spannung, die gar nicht da sein müsste — und hinterlässt einen Menschen, der nicht weiß, ob er gerade gesehen oder beurteilt wurde.

Das Vertrauen in Sprache erodiert still. Was bleibt, ist das Warten auf das Aber.

Voriger Beitrag Zurück zur Übersicht
Up