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Wissen ist eine Holschuld

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Glück

Glück

Das Wort „Glück" ist erstaunlich jung und meinte ursprünglich nur den Ausgang eines Geschehens – nicht das innere Gefühl von heute.

Glück ist kein Gefühl

Wir reden von Glück wie von etwas Selbstverständlichem. Als wäre der Begriff so alt wie das Empfinden selbst. Als hätten Menschen schon immer das Wort benutzt, wenn ihnen etwas Schönes passierte oder wenn sie einfach zufrieden waren.

Beides stimmt nicht.


Ein junges Wort

„Glück" taucht im Deutschen erst um 1160 auf. Das ist, gemessen an der Geschichte der deutschen Sprache, überraschend spät. Ältere germanische Begriffe für günstiges Geschick oder Wohlergehen gab es schon — heil etwa, oder sālig, aus dem unser Wort selig wird. Aber das Wort Glück selbst war neu. Es kam aus dem niederdeutsch-niederländischen Sprachraum, verwandt mit dem mittelniederdeutschen gelucke und dem mittelniederländischen ghelucke. Und es ist dieselbe Wurzel, aus der das englische luck hervorging.

Das ist kein Zufall am Rand. Es bedeutet: Was wir heute als ein zutiefst deutsches, inneres Erleben kennen — das stille Glück, das große Glück, das persönliche Glücksgefühl — trägt denselben Ursprung wie das englische Wort für äußeren, zufälligen Ausgang.


Was das Wort damals bedeutete

Der entscheidende Punkt ist nicht die Jugend des Wortes. Es ist, was es ursprünglich bedeutete.

Glücke meinte nicht Freude. Es meinte nicht inneres Wohlbefinden. Es meinte: wie etwas ausgeht. Der Ausgang eines Geschehens. Der Beschluss, das Ergebnis, das Ende — positiv wie negativ. Man könnte es mit einem modernen Wort übersetzen: Ausgang, im Sinne von Wendung.

Das Wort war damals nicht einmal eindeutig positiv. Es war neutral. Eine Sache hatte einen guten Ausgang oder einen schlechten — und beides fiel unter Glück. Die Unterscheidung zwischen Glück und Pech, zwischen Glück-haben und Glück-nicht-haben, war noch nicht im Wort selbst angelegt. Sie kam erst später, als sich die Bedeutung verengte.


Wie der Irrtum entstand

Irgendwann zwischen dem 12. und dem 16. Jahrhundert verschob sich die Bedeutung. Der neutrale Ausgang wurde zum günstigen Ausgang. Der schlechte Ausgang bekam andere Namen — Pech, Unglück. Und das, was übrig blieb, wanderte weiter: vom äußeren Ereignis in die innere Verfassung. Glück als Gefühl. Glück als Zustand.

Das war kein bewusster Entschluss. Sprache arbeitet so: Ein Wort füllt einen Raum, verändert sich mit dem, was Menschen damit meinen wollen, und trägt am Ende eine Bedeutung, die mit der ursprünglichen kaum noch etwas gemein hat.


Was davon bleibt

Heute tragen wir ein einziges Wort für mindestens zwei sehr verschiedene Dinge: den äußeren Zufall, den man haben oder nicht haben kann, und das innere Wohlgefühl, das sich einstellt oder ausbleibt.

Andere Sprachen haben das auseinandergehalten. Das Englische trennt luck von happiness. Das Griechische kannte tychē — das Schicksal, der Zufall — und eudaimonia — das gute, gelingende Leben. Auf Deutsch haben wir das in ein einziges Wort gepackt.

Ob das ein Verlust ist oder eine Verdichtung, lässt sich schwer sagen. Vielleicht drückt es etwas Richtiges aus: dass sich äußerer Ausgang und inneres Erleben im Leben kaum sauber trennen lassen. Dass, wer vom Glück spricht, oft beides meint — und vielleicht auch meinen darf.

Aber es lohnt sich, einmal hinzuschauen. Wenn wir sagen, jemand sei ein glücklicher Mensch — meinen wir dann, dass ihm viel zufällt? Oder dass er zufrieden ist? Oder beides?

Das Wort gibt darauf keine Antwort. Es hatte ursprünglich eine ganz andere Frage im Sinn.

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